Dienstag, 29. Juni 2010
Es riecht nach Ferne
Sommer ist, wenn ein Styrumer Hinterhof in der Nacht nach Mittelmeer duftet. Wenn ich die Augen schließe, dann bin ich weit weg. Da wo jeder Tag nur die Aufgabe hat, noch mehr Sonne auszuschütten. Wo jeder Tag nur dazu dient, das Meer rauschen zu lassen. Wo die Nacht den Atem anhält, um den Grillen-Gesängen zu lauschen. In diesen Nächten schlafe nicht nur ich wie ein Stein. Auch Bäume, Felder, Berge, Straßen schlummern wie ich, während der Wind zärtlich eine weiche Decke über sie legt. In der Stadt ist Nacht nicht Nacht. Nacht ist Nachtschicht. Was ist das Brausen? Rasen da immer noch Mercedes-Drängler über die Autobahn? Oder können die Schlafenden den Tag nicht vergessen und träumen schon die nächste Blechlawine herbei? Wie das Herz nicht still steht, so hämmert und rauscht und jault und hubt es in der Stadt immer weiter. Und der Himmel scheint nie ganz schwarz zu sein. Ein schwaches Leuchten, eine Vorahnung des Tages lässt die Nacht nicht zur Ruhe kommen.
Sonntag, 27. Juni 2010
Ein Ich am Strand
In der Sonne schmilzt alles, was sich hart machen will. Der Wind streichelt die Haut mit Salz. Kein Gedanke wird von Häusern und Zäunen verbaut. Ein warmes Bett im Sand. Jedes Korn erinnert an das Jetzt und hat die Sanduhr längst vergessen. In den Himmel atmet jeder Gedanke. Keiner zieht am Ärmel, nichts beschwert das Gefühl. Ein Gedankenbrausen verliert sich im Meeresrauschen. Geborgen in der Weite. Geborgen in der Wärme. Geschmiegt an die Erde. Schwerkraft ist hier nicht schwer. Der Himmel öffnet den Geist für den Wind, der jeden Kummer weg weht.
Montag, 21. Juni 2010
Die ewige Baustelle
Neulich im Schickimicki-Belanglos-TV: Da testeten drei Damen diverse Silikon-Popos. Nun ja, die einen hungern sich die Backen ab, die anderen kleben sich welche dran. Baukasten-Barbie. Hundert Prozent flexibel. Aber bei dem alltäglichen Mode-Roulette kommt ja auch keine Plastikpresse mehr hinterher. Selbst ein De Lorean hätte Probleme - Zurück zur Pfirsichhaut. Wohin geht denn die Reise? Arsch ab, Arsch dran. Möpse ab, Möpse dran. Gehirn rein, Gehirn raus. Zum Aufblasen wie Schwimmflügelchen für geistiges Oberwasser. Has hüpf, Has hüpf. Eins, zwei, drei, letzte Chance vorbei. Ach nein, erst auf der 40, 50, 60 oder? Wenn das letzte Bügeleisen versagt. Cher kennt sich da mit modernen Verfallsdaten und Leben nach dem optischen Tod besser aus. Schraub dich zurecht. Modul-Ich, Ersatzrad-Du, Baukasten-Wir. Eine ewige Baustelle.
Highway to Hermeneutik
Alles Gesagte will einen Weg bahnen von mir zu dir und fährt doch nur über tausend Umleitungen im Kreis, gefangen in der eigenen Umlaufbahn. Es sagte mal einer: Wenn wir eifrig auf andere einreden, wollen wir insgeheim nur uns selbst überzeugen. Also ein Kreisverkehr. Dabei sollte doch eine Autobahn gebaut werden. Mit einem Schild: Noch 157 Kilometer bis zu dir. Und die indifferent-freundliche Navi-Dame sollte feiern: Sie haben die Kommunikation erreicht! Das wäre ihr Ziel gewesen. Highway to Hell, Highway to Hermeneutik.
Die Gewissheit, ein Standbild
Der perfekte Plan. Das ist der, der nicht zur Tat schreitet. Denn vor jedem Schritt wird vermessen, abgewogen, durchgerechnet, gegengerechnet, abgezählt, verkürzt, verlängert, korrigiert. Und auf Seite 1492 der Statistik, hinter Schaubild 534, am Ende der Kurve ist der Schritt schon vergessen, verschwindet die Straße hinter wenn und aber. Ich stehe wie eine Salzsäule in der Gegend herum, als Denkmal einer Idee, die eine Gute hätte sein können. Kein Wunder, dass die Welt vor öffentlichen Skulpturen überquillt. In jeder Fußgängerzone schlurft man an einem steinernen Jemand vorbei und fragt sich: Wer war das nochmal?
Sonntag, 6. Juni 2010
Cellulite-Schlaglöcher
Der Paradiesapfel, die verbotene Frucht - jedenfalls für Kalorienzähler, die kleinen Diätdiktatoren. Wann beißen die endlich mal in den Apfel der Erkenntnis? Jeder wiegt am anderen rum. Am besten hat man immer eine Taschenwaage zum Ausklappen dabei für den Kilo-Contest. Also du hast aber auch ganz schön zugenommen. Tante Gerda, Onkel Siegfried, missgünstiger Pseudo-Kumpel. Na, schon wieder Pommes Schranke? Aber ja, ich seh so gerne den Fettringen beim Quellen zu. Ich bin mein eigenes Körperkunstwerk. Und hömma die Seele ist gut im Futter! Oder wie Omma entgegnet hätte: Dat hat viel Geld gekostet! Ja, ja schon wieder zugenommen. Dabei willste doch lieber sagen: Abgenommen im Wert was? Nein, wie unerhört ungeniert, undiszipliniert, maßlos, exzessiv, genußsüchtig, animalisch ausschweifend. Das gemeine Wohlstandsbäuchlein als der ewige Reminder an die niedere Natur, die sich lieber in Schokolade wälzen will als Süßstofftabletten abzuzählen. Der Kontrollversager, der beim Look-alike-Wettbewerb mit der Schaufensterpuppe wieder verliert. Der poltert von einem Cellulite-Schlagloch zum nächsten. Manche stehen eben mehr auf Offroad-Abenteuer als auf platt gewalzte Verkehrsübungsplätze. Wenn alles glatt läuft, ist für gewöhnlich was faul. Und so mancher Retuscheur gilt insgeheim als Favorit für den Oscar in der Kategorie "Visuelle Effekte." Als nächstes soll der Grand Canyon von allen Falten befreit werden.
Visage vermisst
Manchmal trage ich mein Gesicht irgendwohin und dann vergesse ich es dort. Zurück zuhause weiß ich dann nicht mehr, wer ich bin. Leider fehlen mir dann die Augen, um es zu suchen und der Mund, um es zu rufen.
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