Mittwoch, 25. Mai 2011

Der Morgen - ein Fragment




Es ist einer dieser Tage an dem der Kalender das Unglück verordnet. Am Montagmorgen ist der morgendliche Aufprall in der Realität besonders hart. Schon am Sonntagabend fühlt sich die Kuschelcouch schon wie ein Schleudersitz an. Noch vierzehn Stunden, noch zehn, noch acht. Klack , Klappe, Action! Um sieben Uhr brabbelt der Radiowecker los. Guido Westerwelle, Angela Merkel, zehn Kilometer Stau auf der A40. Bevor ich „Guten Morgen!“ sagen kann, ist mein Ohr schon randvoll mit dem Elend dieser Welt. Wichtigkeiten und Nichtigkeiten drängen sich durch das Trommelfell, über die Nervenautobahnen und klopfen ungeduldig an die Tür der unbesetzten Kommandozentrale Bewusstsein. Aufstehen! Zähneputzen! Schön machen! Nützlich machen! Schubst da jemand? Im Badezimmer-Spiegel finde ich nur mich und ein wild wucherndes Haargestrüpp, das laut meinem Friseur eigentlich den neuesten Trendhaarschnitt aus Paris darstellen sollte. Mit seinem weltmännischen Trend-Gewäsch hat mich der Provinz-Figaro doch wieder über das Ohr gehauen. Edward mit den Scherenhänden macht mehr aus einer Hecke. Und unter meinen Augen zerfließen noch die Smokey Eyes vom Vortag. Es war wieder keine Zeit. Ich wollte nur ins Bett. Wo sind eigentlich Boris Entrup und sein Make-up-Team, wenn man sie mal braucht. Mal mir ein Gesicht auf! Mir selbst zittert immer die Hand beim Lidstrich. Soviel Perfektion auf so kleinem Raum überfordert mich einfach.

Meine innere Uhr ist synchronisiert mit dem Verkehrsverbund Rhein-Ruhr. 15 Minuten S-Bahn-Fahrt sind 15 Minuten Kalender-Check. Schon bevor ich aus der Bahn vor mein Bürogebäude gespuckt werde, habe ich mich in Terminen und Aufgaben verloren und laufe doch weiter, begleitet von Schritten neben mir, hinter mir und vor mir. Schneller, schneller. Auf Bürgersteigen kann es mir nie schnell genug gehen. Der Weg, das Links und Rechts – sie zählen nicht. Nur das Ziel. Als könnte ich es nicht erwarten anzukommen. Doch ich komme nie an, zumindest an meinem Ziel. An diesem Morgen komme ich aber schon einmal bei der Arbeit an. Ein guter Start.


In den Aufzug presst sich ein Menschengestrüpp, eine Installation aus Kostüm, Anzug und Neonröhre. Morgen! Morgen! Auf jeder Etage wird ein Stück ausgeworfen und steht erstmal als mysteriöses Puzzleteil auf dem Gang. Was es ist? Sagt ein Piep. Mit meinem Login weiß ich wieder wer ich bin. Frau X existiert heute von 9 bis 18 Uhr in der Schifferstraße, 150. Breitengrad/ 120. Längengrad Nord Nord Ost. Das sagt Google-Earth. Ab jetzt starre ich mit meinem PC um die Wette. Wer blinzelt zuerst? Müde werde nur ich und wünsche mir, ich könnte meine Reserven auch an der Steckdose aufladen.

Montag, 23. Mai 2011

Tür zu


Mein Zuhause. Heimat kannte ich nicht, wohnen konnte ich nicht. Rasten - das kam nicht in Frage. Fragen? Denen wird jetzt die Tür vor der Nase zugeknallt. Hier drinnen, da weiß ich alles. Alles hat hier seinen Platz. Kein Ticken, keine Drängler. Zeitzone? ZIZ. Zentrale-Ich-Zeit. Immer rechtzeitig. Auf den Punkt. In meine Mitte. Da sollst du ruhen. Der Punkt um den die Welt schwanken darf und sich wieder einpendelt. Sie gleitet. Sie marschiert nicht. Sie schleicht. Sie rennt nicht. Sie schweigt still und sabbelt nicht. Tür zu. Mein Zuhause.

Alles Sollen

Gedanken zentnerschwer.
Schritte wiegen Tonnen.
Ich kann nicht sitzen, nicht liegen, nicht stehen.
Ich kann nicht gehen.
Und doch: Es drückt, es zwickt, es zerrt an mir.
Ich sehe kein Wohin.
Ein leerer Wille zappelt auf der Stelle.
Könnte ich mich doch einfach lassen.
Alles soll still atmen - ein und aus.
Immer dieses Sollen.
Würde ich doch wollen.
Würde ich doch lieben.
Aber da sind nur eine weiße Wand und diese nervöse Starre.
Die Zeit ist grausam. Sie hat kein Ende.
Wohin bloß?

Mittwoch, 23. Februar 2011

Synapsen-Crash

Die Welt ist ein Meer aus Reizen in dem man ersäuft. Und im Ersaufen vergisst sich das Selbst. Strampelt gar nicht mehr trotzig hilfesuchend nach schwindenden Kategorien. Wichtig - nichtig. Richtig - falsch. Freund -Feind. Null und Eins. Endlich weiß ich alles. Und weiß doch nichts.

Dienstag, 1. Februar 2011

Eine Leihmutti zum Frühstück

Kleiner Leihmutterschaftswerbespot bei Volle Kanne im ZDF. Wie schwer das Leid kinderloser Paare wiegt. Und wie doll tolerant und offen ja die Amis sind. Wie doof dagegen diese Embryonenschutz-Paragraphen in Good Old Germany - gibt ein Repro-Mediziner zum Besten. Weil: Da hat man schon soviel medizin-technischen Schnickschnack zur Verfügung und darf nicht damit spielen. Allet wat kann, dat muss auch. Oder nicht?

Ich hätte mir zumindest mal einen kleinen Hinweis auf ethische Probleme gewünscht. Und ein paar Hintergrundinfos zu den USA, wo mit der Leihmutterschaft eine ziemlich rabiate Geschäftemacherei betrieben wird. Inklusive "Gehirnwäsche" für die Leihmuttis per Therapie: "Nein, du fühlst keinerlei Beziehung zu dem Kind in deinem Bauch!" Und Infos dazu, dass diese Leihmuttis sehr oft aus armen, chancenlosen Milieus kommen. Aber nun ja. Da war die volle heute eine leere Kanne. Die Redaktion wohl überfordert oder betriebsblind. Aber dann sollten sie solche Themen besser anderen überlassen, die mehr davon verstehen. So ein Thema sollte man nicht zwischen Rührei und Deko-Tipp abfrühstücken.

http://www.zdf.de/ZDFmediathek#/beitrag/video/1247586/Nachwuchs-per-Leihmutter

Mittwoch, 17. November 2010

Ein Discounter-Märchen: Die Polyester-Katze im Ein-Euro-Shop















Es waren einmal eine handelsübliche Zimmerpflanze namens Bogenhanf, ein Plüschhase und ein Leopardenhalstuch. Die trafen sich auf dem Grabbeltisch im Ein-Euro-Laden. Hier leidet ja selbst die unterbezahlte Kassiererin an Hospitalismus. Und auch das Leopardenhalstuch kannte die Savanne nur noch aus dem Fernsehen. Wie es so den Verwandten in der Wildnis hinterher träumte, fiel sein Blick auf einen Plüschhasen und plötzlich packte es der Jagdtrieb: „Renn! Renn du kleines Hoppelhäschen! Du sollst mir gut schmecken!“ Dem Halstuch wurde ganz wildkatzig zumute. Krallen und Zähne wuchsen aus seinem Polyesterkörper und mit einer Tatze griff es nach dem Häschen, verfehlte es jedoch und verkratzte dem alten Bogenhanf nebenan den Blumentopf. Der döste gerade träge vor sich hin. Schließlich hatte er soeben eine große Portion Dünger zum Mittagessen verputzt. Der Plüschhase jedoch wippte panisch auf seinem Platz herum. Das Hoppeln hatte er längst verlernt – schließlich wurde er ständig herumgetragen. Verzweifelt rief er um Hilfe Richtung Blumentopf. Der Bogenhanf schreckte hoch und stellte empört seine Arme auf: „Was bildest du dir ein, wo du bist du Polyester-Katze? Im afrikanischen Wildreservat? Nach drei Tagen auf dem Grabbeltisch kommt wohl schon wieder dein ADHS-Syndrom durch. Lass das Häschen in Ruhe. Das kann nicht mit dir Fangen spielen. Such dir jemanden, der dir gewachsen ist!“, sprach die Zimmerpflanze und verwandelte ihren Arm in eine drohende Urwaldschlange. Doch dann hielt sie inne. „Ich habe eine Idee du armes hyperaktives Kätzchen. Auch ich träume nachts oft von Afrika. Lass uns aus dem Discounter ausbrechen und nach Hause gehen! Da ist dann genug Platz zum Fangen spielen.“ Das Leopardenhalstuch schnurrte zustimmend. Und so fingerte der Bogenhanf einer vorbei wuselnden Hausfrau zwei Euro aus der Tasche, kaufte das Leopardenhalstuch und sich frei und gemeinsam zogen sie Richtung Somalia. Der Hase aber blieb zurück. Er war zu faul zum Laufen.

(Geschichte zum Aufmacherbild des Gedankengerümpel-Blogs)

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