Sonntag, 30. Mai 2010
Dem Schöpfer sein Scrabbelspiel
Auf der Gen-Helix pflanzt sich das Selbst in Hieroglyphen. Codes - die sind verdammt unsympathisch. Da buchstabiert ein sogenannter intelligenter Designer mein Ich durch und ich darf es nicht mal lesen. Ach von wegen Designer. Selbst die Religion braucht jetzt Kreativwirtschaft. Früher hätte man vielleicht vom intelligenten Handwerker, Bäcker, Koch gesprochen. Der Koch, der Adams Wurschtkessel abschmeckt. Nun ja, aber egal wie er heißt: Die Kommandozentrale ist leer. Da fliegen nur Scrabbelsteine mal sinnig, mal unsinnig durch die Gegend. Und jeder, der ein Wort sieht, sackt die dicken Punkte ein. Da erfindet man auch gerne mal eins. Schließlich sind Gewinner heute gefragter denn je.
Mittwoch, 26. Mai 2010
Erdanziehung
Der Wille, der Glaube, das ist die Schwerkraft, ohne die alles in endlose Leere fällt. Verankert, erdet die Gedanken. Jedes Gefühl, das sich im Feuer selbst verzehren will, bindet sich jetzt an einen Docht. Und leuchtet durch das schwarze Nichts zu einer warmen Höhle. Schwerpunkt um den die Welt schwanken darf, Stille im Auge des Sturms. Wo alles so sein darf, wie es ist.
Freitag, 21. Mai 2010
Wohnzimmer-Legebatterie
Kreativ? Aber nur wenn's verwertbar ist. Reproduzierbar, kopierbar, vermittelbar, in bar auszuzahlen. An der Bar versoffen. Das Ideen-Honorar. Die Idee, das Produkt. Alle müssen's haben. Für die Vitrine, zum Protzen vor der neuen Flamme. Um den Hals gehängt, ins Gesicht geschmiert, auf das iPhone geladen. Das Ideen-App, das Kreativ-App. Lad es runter, dann ab in den Papierkorb. Gesehen, genutzt, verbraucht, alles schon gehabt. Alles nutzt sich so schnell ab. Fließt durch Kabel in Bildschirm in Licht in Kopf in Synapsen und verschwindet doch im schwarzen Nichts. Die Kopie der Kopie der Kopie der Kopie der Idee. Hatte Ludwig XIV menschliche Apps als Beraterstab? Ein paar goldene Kordeln mit Glocke, um Informationen heranzubimmeln. Heute, damals, dekadent irgendwie. Das Kammerorchester spielte auf Knopfdruck, die Konkubine auf Bestellung. Der Speichellecker zeichnet alle Straßen nach. Wo gibts das beste Demütigungs-Event? Wo fressen diese sogenannten Armen nochmal ihren Kuchen? Ach ne, heute nur noch Knäckebrot. Ein tägliches Laufburschen-Update aus dem Real-Life für den Herrscher. Wir herrschen über Bildschirme. Oder werden beherrscht? Ausgestopft, bespaßt, abgeerntet. Legebatterie à la Matrix. Glaube abgeerntet, Erspartes abgeerntet, Wille abgeerntet. Die Wärme, die Lebensenergie, die alternative Energiequelle. Wohnzimmer-Legebatterie. Artgerechte Haltung für die eierlegende Wollmilchsau, die nur nützlich, nicht menschlich sein darf.
TV-Rollenspiel
Beziehungen. Ein Spiel in drei Akten. Lesen sie den Text in der Fernsehzeitung nach. Vater, Mutter, Kind. Da fängts schon an. Da hat man als Kleinkind schon gespielt. Aber irgendwie war man da trotzdem noch kreativ. Heute klaut man sich die Handlung aus Telenovelas zusammen. Mutter, Vater, Kind gibts nicht mehr.
Sonntag, 16. Mai 2010
Feldarbeit
Mutter Erde, Vater im Himmel. Der Luftikus, der von oben den großen Macher markiert. Dabei wächst doch alles aus der Erde. Aber von unten nach oben geschaut, sieht alles ohne viel Aufwand viel imposanter aus. Imposanter als niedere Feldarbeit. Das Weibchen, die persönliche Assistentin, die für den großen Star alles hinter den Kulissen organisiert, arrangiert, dekoriert, drappiert und auch noch ein paar Häppchen ran schafft. Und wer kriegt den Applaus? Was darfs sein? Wie kann ich helfen? Sie wünschen? Nein, das macht doch keine Umstände. 24/7 ganz die Deine. Im Herzen, wie auf dem Konto. Eine Karrierefrau, eine Augenweide, ein Multitalent, ein Putzteufel, eine Super-Nanny für klein und groß. Immer interessiert, immer engagiert, immer da. Die Nützlichkeit in Person, die Dienstleistung in Perfektion. Mutter Theresa reloaded. Hier noch ein Stückchen von mir, auch wenn der Kuchenteller fast leer ist. Hier noch ein paar meiner Minuten und Stunden, auch wenn meine Zeit fast abgelaufen ist. Nein ganz so ist es nicht. Manchmal gibts den Rollentausch. Aber alles schaffen, alles erledigen will frau von innerer Peitsche getrieben. Perfekte Kurven, perfekte Statistik und nicht still stehen. Als müsste sie sich die Daseinsberechtigung immer noch erkämpfen. Wieso bloß? Ich leg jetzt die Füße hoch.
Embryostellung
Eingerollt. In sich gekehrt. Embryostellung. Nichts dringt herein und heraus. Die Wärme kreist im Schutzwall Körper. Belebt und wärmt sich selbst. Darf sich selbst genug sein. Schwimmen im eigenen Gefühlssaft. Friedlich treibend. Geborgenheit der eigenen Welt. Königreich Ich in ewiger Ruhe. Der Weltenlärm rauscht vorbei und dringt nicht durch die Watteschicht. Ein Kreis, eine Kugel, die sich ganz fühlen darf. Es fehlt an nichts. Es braucht nichts außer sich selbst. Vertrauen in die Wand der eigenen Haut, die nichts ritzt und kratzt. Eingeschmiegt ins warme Halbbewusstsein. Dämmert, schlummert, treibt führerlos sich selbst entgegen.
Donnerstag, 13. Mai 2010
Tippex und Tränen
Was passiert, wenn meine Wörter aus dem Duden gestrichen werden. Vorhänge zu, Fenster zu, Türen verrammelt. Fühlt man nach Vokabelliste? Nicht benannt, nicht bekannt. Welche fallen zuerst dem Tippex zum Opfer? Tod, Schmerz, Hilflosigkeit. Das ist die große Freiheit des Alphabets. Man buchstabiert weg, was nicht sein darf und trotzdem ist. Wo geht es dann hin? Ein Messie, der sein Zuhause zu müllt. Die Schubladen bleiben leer. Alles fliegt auf den Haufen. Leiden, nicht loslassen können. Wichtig und unwichtig nicht unterschieden. Wo gehen sie hin die Nicht-mehr-Wörter? Sie schürfen und ritzen die Haut, sie fluten das Gesicht, sie beben in den Gliedern und pumpen, pumpen, pumpen in der Brust. Was ist das willst du nicht fragen. Wer war das fragt dann jemand anderes.
Donnerstag, 6. Mai 2010
Helga, bitte zu Kasse 3
Leben ohne Logout sagt die Werbung. Da möchte man den Stöpsel ziehen, den Giftzahn. Diesem überartikulierten, nimmersatten, globalisierten Monstrum Kommunikation. Ich zieh mich mal mit Ohrstöpseln in den Wandschrank zurück. Talk to the hand. Alles wird auseinander geschraubt und über den Scanner gezogen. Nicht registriert, nicht artikuliert, nicht dokumentiert, nicht bilanziert, vom Planeten gefallen. Du stehst nicht auf der Gästeliste. Kommste net rein. Und weiter. Piep, registriert. Piep, registriert. Die große Inventur mit Heerscharen unterbezahlter Aushilfen. Man sollte sich schon mal das Recht am eigenen Namen sichern lassen. Alles katalogisiert, überall Stempel drauf. 20 Newsletter pro Sekunde an das Wichtig-Macher-Volk. Jeder ein Strich im Barcode. Wer hat die Welt als Erster ausgelesen? Am liebsten würden wir ans Ende des Buches blättern und lünkern. Aber vorher kleben wir noch überall ein Preisschild drauf. Am Ende will man ja wissen, was es wert war.
Montag, 3. Mai 2010
Gut gelogen ist halb gebeichtet
Das Problem mit der Wahrheit: Meistens ist sie so unscheinbar, dass man sie gerne übersieht. Das graue Mäuschen mit Hornbrille, mit dem keiner abhängen will. Zieht der Wahrheit ein Clownskostüm an, setzt ihr eine rote Perücke auf. Geht mit ihr zur Kosmetikerin, zum Stylisten. Veranstaltet ein Casting mit Dieter Bohlen. Deutschland sucht die Super-Wahrheit. Zieht ihr eine Warnweste an. Wählt die schönste Wahrheit mit Heidi Klum. Besucht die Wahrheit zuhause in ihrer Plattenbausiedlung. Schickt sie auf die stille Treppe. Rechnet der Wahrheit ihre Schulden vor. Schickt sie in den Ring mit dem Undertaker. Streitet mit ihr bei Hart aber fair. Sucht sie mit Google. Überwacht sie mit Schäuble. Die Wahrheit zieht in den Krieg und kehrt nicht zurück.
Generation Monk
Wenn schon, dann muss man es ja ordentlich angehen. Alles muss seine Ordnung haben. Häkchen hier, Häkchen da. Liste für Liste. Alles muss eure Ordnung haben. A zu A, B zu B, C zu C. Ich will kein Buchstabe sein. Und das A könnte sich auch hervorragend mit dem X verstehen. Genauso wie das D mit dem Y. Aktenzeichen XY ungelöst, ja das bin ich. Ich will aus der Liste raus. Kletter über Gitter aus der Tabelle. Hüpfe über die Eins Zwei Drei Vier. Stolpere über die Fünf und fliege ins Unendliche. Aber da zieht schon wieder jemand einen Strich mit dem Rotstift. Aufprall. Aua. Beule.
Wichtig wichtig popichtich
Bedeutungsschwanger solls klingen. Sieht trächtig aus dieser Buchstabe. Was der wohl ausbrütet? Von wem der wohl angebufft wurde? Vom heiligen Geistesblitz. Das Genie, das goldene Kalb. Ein Gehirn unter Milliarden hat ihn herausgepresst. Oder gar herauskopiert? Und Twitter ist der Wehenschreiber. Funkt durch Millionen Geistesgewässer und wartet auf kosmische Resonanz. Firlefanzerei. Ich klapp den Buchstaben auf. Reingeguckt und Tätä! Nix drin. Dabei sah er so schick aus dieser Buchstabe - so bedeutungsschwanger.
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