Mittwoch, 17. November 2010

Ein Discounter-Märchen: Die Polyester-Katze im Ein-Euro-Shop















Es waren einmal eine handelsübliche Zimmerpflanze namens Bogenhanf, ein Plüschhase und ein Leopardenhalstuch. Die trafen sich auf dem Grabbeltisch im Ein-Euro-Laden. Hier leidet ja selbst die unterbezahlte Kassiererin an Hospitalismus. Und auch das Leopardenhalstuch kannte die Savanne nur noch aus dem Fernsehen. Wie es so den Verwandten in der Wildnis hinterher träumte, fiel sein Blick auf einen Plüschhasen und plötzlich packte es der Jagdtrieb: „Renn! Renn du kleines Hoppelhäschen! Du sollst mir gut schmecken!“ Dem Halstuch wurde ganz wildkatzig zumute. Krallen und Zähne wuchsen aus seinem Polyesterkörper und mit einer Tatze griff es nach dem Häschen, verfehlte es jedoch und verkratzte dem alten Bogenhanf nebenan den Blumentopf. Der döste gerade träge vor sich hin. Schließlich hatte er soeben eine große Portion Dünger zum Mittagessen verputzt. Der Plüschhase jedoch wippte panisch auf seinem Platz herum. Das Hoppeln hatte er längst verlernt – schließlich wurde er ständig herumgetragen. Verzweifelt rief er um Hilfe Richtung Blumentopf. Der Bogenhanf schreckte hoch und stellte empört seine Arme auf: „Was bildest du dir ein, wo du bist du Polyester-Katze? Im afrikanischen Wildreservat? Nach drei Tagen auf dem Grabbeltisch kommt wohl schon wieder dein ADHS-Syndrom durch. Lass das Häschen in Ruhe. Das kann nicht mit dir Fangen spielen. Such dir jemanden, der dir gewachsen ist!“, sprach die Zimmerpflanze und verwandelte ihren Arm in eine drohende Urwaldschlange. Doch dann hielt sie inne. „Ich habe eine Idee du armes hyperaktives Kätzchen. Auch ich träume nachts oft von Afrika. Lass uns aus dem Discounter ausbrechen und nach Hause gehen! Da ist dann genug Platz zum Fangen spielen.“ Das Leopardenhalstuch schnurrte zustimmend. Und so fingerte der Bogenhanf einer vorbei wuselnden Hausfrau zwei Euro aus der Tasche, kaufte das Leopardenhalstuch und sich frei und gemeinsam zogen sie Richtung Somalia. Der Hase aber blieb zurück. Er war zu faul zum Laufen.

(Geschichte zum Aufmacherbild des Gedankengerümpel-Blogs)

Sonntag, 14. November 2010

Ein Ich zieht sich vom Grabbeltisch

Müssen und nicht können macht genauso depressiv wie können, aber nicht wollen. Und dann trotzdem müssen. Nur ein Mal alleine stehen, durchatmen und die Richtung selbst wählen. Und dann ein erster Schritt in Sieben-Meilen-Stiefeln. Alles kann, nichts muss. Die Gedanken und Gefühle atmen wieder frei und wachsen. Ein Wildwuchs, der immer neue Blüten treibt. Kein Hunger, denn es ist alles da in Hülle und Fülle. Alles was ich will. Und nicht, was ich meinte, wollen zu sollen. Das waren damals Schritte in einer virtuellen Realität. Sie bewegen nichts, sie tragen nichts, sie führen nirgendwohin. Sie simulieren nur die wirren, zuckenden Spuren einer leeren Suche, die nicht weiß, was sie finden will. Wie umher irrende Blicke, deren Bewegungen niedergekritzelt werden. Sehen ist nicht fühlen. Tun ist nicht Sein. Leere Geschäftigkeit für ein wenig Glitzer-Glanz, der am nächsten Morgen wieder abgebröckelt ist. Der nicht wärmt und nicht satt macht. Rotieren um eine leere Mitte, die mit einem Willen gefüllt sein könnte. Sie sprach zu sich selbst: Ich will. Und dachte: Jetzt ist es amtlich - ich bin. Ein Geburtsrecht, das nicht auf dem Grabbeltisch für 99 Cent verramscht wird. Nicht alles ist verhandelbar.

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