Mittwoch, 13. Oktober 2010

Fehlfunktion der Worte

"Von jeder Wahrheit ist das Gegenteil ebenso wahr...Eine Wahrheit lässt sich immer nur aussprechen und in Worte hüllen, wenn sie einseitig ist. Einseitig ist alles, was mit Gedanken gedacht und mit Worten gesagt werden kann, alles einseitig, alles halb, alles entbehrt der Ganzheit, des Runden, der Einheit. Die Welt selbst aber, das Seiende um uns her und in uns innen ist nie einseitig. Nie ist ein Mensch ganz heilig oder ganz sündig." (H. Hesse, Siddhartha)

Mittwoch, 6. Oktober 2010

Zuständigkeiten zu vergeben

Die Verantwortung ist ein Schuh, den sich keiner anzieht. Die Welt hat sich in ein Hochhaus mit unendlich vielen Zimmern, Etagen, Abteilungen verwandelt. Permanent gehen Postsendungen raus. Mit Urteilen, Befehlen, Entscheidungen, Richtlinien. Aber wer entscheidet? Sieht man genauer hin, dann sieht man nichts. Nichts bewegt sich hinter den Fenstern. Keiner tritt aus der Tür heraus. Ein Marathon durch leere Räume ist jeder Besuch. Alle in der Mittagspause? Die dauert aber lang. Führerloser Apparat absurder Antragsmentalität, die Verantwortung nur vortäuscht, aber nicht fühlt. Wie soll ein Apparat auch fühlen. Es steht nur noch ein abstrakter Strukturbaum in der Gegend herum, dem keine Namen und Gesichter mehr zugeordnet werden können. Irgendwo in der 315. Etage steht ein PC, der automatisiert in Endlosschleife, per Zufallsprinzip bedeutungsvoll sinnentleerte Verlautbarungen und Formulare druckt. Ausschalten? Aber was soll dann bloß die Bild morgen drucken?

Sonntag, 3. Oktober 2010

Bürgersteige vergessen nichts

Siehst du dort drüben? Als würden Schlieren von Personen, die einmal hier waren, durch die Straßen ziehen. Als würden Geschichten und Menschen in Hauswänden und Bürgersteigen schlummern. Schichten über Schichten. Manche haben ihren Namen dort hingeschmiert im vorbeigehen, mit dem Kopf schon wieder an einem anderen Ort, in einer anderen Zeit. Doch diese Straße vergisst nicht. Sie ist ein Gedächtnis. Mein Gedächtnis frischt sich hier auf. Doch manche möchten sie lieber wieder vergessen. Schmuddeleckchen, Schmuddelmensch. Und sie vergessen. Vergessen mit dem Wo gleich auch mal das Wer.Wärs doch lieber die Kö oder die Maximilianstraße oder gar die Champs Elyssees. Dort glänzt es. Doch dort bleibt nichts haften - außer Labels vielleicht. Aber in dieser Seitenstraße in dieser Stadt, in die keiner möchte, dort klebt eine Haftnotiz mit meinem Namen. Es ist ein Geheimbund zwischen mir, dem Asphalt und dem kleinen Park nebenan. Ein Bund, der nicht verraten wird. Habe ich vergessen, wo ich bin, dann flüstern sie leise von gestern und ich nehme die Spur wieder auf.

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